Hilfe, Schreibaby! Ein Leben am Limit.

06.11.2019

 

"Schhhh... schhhh... schhhh... Mama ist da. Mama ist bei dir. Schhhh... schhhh... schhhh..." Weinen. Schreien. Kreischen. Aua, meine Ohren! Ich singe zum wiederholten Mal ein Lied. "Schhhh... schhhh... schhhh... Beruhige dich mein Engel. Hör auf, zu schreien. Bitte." Noch lauteres Kreischen. "Sei endlich still. BITTE!" Drei Stunden sind vergangen seit dem ersten Schrei. Ohne Pause. Ohne durchzuatmen. Meine Nerven liegen blank. Die Tränen fliessen in Strömen. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Seelischer Zusammenbruch. Mein Baby liegt in meinen Armen. Ich sehe es an. Es schreit weiter, lauthals. Und ich denke mir: "Ich ertrage dich nicht mehr!"

 

Wenn ich heute an die ersten drei Lebensmonate meines Sohnes denke, dann möchte ich sie am liebsten aus meinem Gedächtnis verbannen. Weit, weit weg in eine imaginäre Schublade, die es nie gegeben hat. Und doch hat es sie gegeben. Die schlimmste Zeit in meinem Leben. Eine Zeit, in der Sekunden zu Stunden wurden. In der ich ums Überleben kämpfe. Das Überleben meiner Seele und der Liebe zu meinem Kind.

 

Wie erklärt man, was ein Schreibaby ist? Ich würde es so beschreiben: Ein Schreibaby weint nicht nur, es schreit eben. Stundenlang. Es schläft nur kurze Phasen, ist oft wach und hat von Geburt an Schwierigkeiten, sich an das Leben auf Erden zu gewöhnen und leidet an Stress. Jeglicher Versuch, das Kind zu beruhigen schlägt fehl. Schreiattacken sind Momente des Grauens. Anfangs begleitet von tiefstem Mitleid und dem Wunsch, dem Kind alle Liebe einzuflössen, die man im Herzen trägt. Gegen Ende ein Kampf der Gefühle zwischen absoluter Hilflosigkeit, Wut und Verzweiflung. Ist die Schreiattacke nach Stunden vorbei, bleibt nur noch das Elend zurück. In meinem Fall ein vor lauter Erschöpfung eingeschlafenes Kind und eine schluchzende, am Boden zusammengekauerte Mutter, deren Herz gebrochen wurde. Zum tausendsten Mal in einer Woche. " Was mache ich falsch? Warum kann ich mein Kind nicht beruhigen?", waren Gedanken, die wie ein Grundrauschen durch meinen Kopf schwirrten.

 

Es gab Zeiten, da emfpand ich eine Abneigung gegen mein eigenes Kind. So schlimm es klingen mag. Eine unbeschreibliche Wut vergiftete mein Gemüt. Wut auf mich selbst, als Mutter nicht in der Lage zu sein, mein Kind beruhigen zu können. Wut auf mein Baby, weil es mir mehrmals am Tag sämtliche Energie raubte, die ich für mein seelisches Überleben dringend brauchte. Von der endlosen Zeit, die mir als Mutter für meine Tochter fehlte ganz zu schweigen. Die Tage wurden gefühlt zu Monaten und es wollte einfach nicht besser werden. Die Schreiattacken wurden nicht weniger, sondern mit jedem Wachstumsschub stärker und noch regelmässiger. 

 

Wie man so schön sagt, muss man erst an einen Tiefpunkt geraten, um erneut aufstehen und nach vorne blicken zu können. Und dieser Tag kam. Die traurigste Erinnerung in meinem Leben als Mutter, die mich noch heute zum Weinen bringt. Ein eisiges Gefühl, das sich für immer wie ein Messer in mein Herz gebohrt hat. Ich verbrachte unsere Herbstferien mit beiden Kindern bei meinen Eltern und Grosseltern in Spanien. Noch in der ersten Woche geschah es: Nie zuvor hatte mein Baby derart lange und laut geschrien wie an diesem Tag. Die Schreie kamen aus dem tiefsten Inneren seines kleinen Körpers. Ich trug ihn auf den Armen, versuchte ihn zu beruhigen, stundenlang. Und mit jedem Blick, den er mir zuwarf, schrie und kreischte er lauter. Ich war am Ende. Und da explodierte sie, meine wochenlang angestaute Wut: Ich schrie mein Baby weinend an. Und zwar so laut, dass ich selbst das Schreien meines Kindes nicht mehr hörte. Meine Eltern kamen sofort herbeigeeilt. Mein Vater nahm mir meinen Sohn ab und meine Mutter umarmte mich so fest, wie sie es nie zuvor getan hatte. Unermüdlich flüsterte sie mir ins Ohr: "Beruhige dich, beruhige dich mein Schatz." Und drückte mich fest an sich. Ich brach schluchzend zusammen. Hyperventilierte. Die Tränen flossen in Strömen und ich schrie lauthals: "Ich kann nicht mehr. Ich bringe mich um!" Leben am Limit.

 

Heute, einige Wochen später weiss ich, dass dieser letzte Satz mein Hilfeschrei ans Universum war. Nie zuvor hatte ich derart um Hilfe gefleht, wie an diesem einen Tag. Die Wochen, ja die endlosen Tage des Schreiens hatten mich wortwörtlich an den Rand des Wahnsinns getrieben. Und das Universum sollte es gut mit mir meinen, denn von diesem Tag an, in dem ich mein Baby lauthals angeschrien und keinen Sinn in meinem Dasein als Mutter mehr gesehen hatte, änderte sich alles. Mein Sohn wurde ruhiger, jeden Tag etwas mehr. Seine Schlafphasen wurden länger, jede Minute zählte. Und ich schloss Frieden mit mir selbst, als Mutter, die am Tiefpunkt ihrer Mutterliebe war und gelernt hat, dass das Sprichwort "den letzten Nerv rauben" im wahrsten Sinne des Wortes zur Realität werden kann und es nur eine Richtung im Leben gibt: nach vorne. Heute, mit bald vier Monaten, ist er ein aufgeweckter kleiner Strahlemann. Die Schreiattacken sind noch nicht gänzlich in Jenseits verbannt, doch sie werden weniger. Manchmal mit zwei bis drei Tagen Abstand, manchmal eine Woche lang. 

 

Und am Ende ist es doch die Ironie der Geschichte, dass nicht nur ich ins Universum nach Hilfe geschrien habe, sondern auch die Schreiattacken meines Babys ein Hilferuf sind. So habe ich es mir zur Lebensaufgabe gemacht, ihm jeden Tag von Neuem mein Herz zu schenken und zu versuchen, seinen inneren Frieden aufrecht zu erhalten.

 

Für dich mein Engel: Auf jede dunkle Zeit folgt Sonnenschein. Dein Start ins Leben war steinig und schwer. Doch du hast gekämpft wie ein Löwe und hast deinen Frieden gefunden. Hier bei uns. Bei mir. Deiner Mama. Ich liebe dich mit jedem Atemzug. Genau so, wie du bist. Und mit jedem Moment, in dem du Trost in meinen Armen findest, wachsen wir stärker zusammen. Als Mutter und Sohn. Du bist der Mann meiner Träume und die Liebe meines Lebens. Mama wird dich immer lieben. Bis in alle Ewigkeit. Das Titelbild ist dir gewidmet mein Engel. Auf dass wir uns beide daran erinnern, dass wir auch wunderschöne Momente in deiner Anfangszeit auf Erden hatten.

 

PS: Die geschilderten Erlebnisse beruhen auf meinen eigenen Erfahrungen mit einem Schreibaby und sind nicht allgemein gültig für andere Familien. Dennoch ist erwiesen, dass Schreibabys sowohl den psychischen, als auch den physischen Zustand der Eltern stark negativ beeinflussen können, weshalb eine Schreibabyberatung in jedem Fall nützlich und hilfreich sein kann.

 

Bild @ Nina Wüthrich Photography // Ich danke an dieser Stelle meiner lieben Nina Wüthrich für die wundervolle Aufnahme während des Newborn-Shootings <3

 

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