Unser Sternenkind im Himmel ist kein Tabuthema!

16.10.2018

Heute ist ein besonderer Tag, wie jeder 16. Oktober seither... Vor genau vier Jahren wäre ich zum ersten Mal Mama geworden. Und wäre unser Familienglück damals unter einem hellen Stern gestanden, hätte unsere Perle heute ein grosses Geschwisterchen, mit dem sie spielen könnte. Doch es sollte nicht sein. Ich hatte eine Fehlgeburt.

 

Ich war in der 13. Woche, als wir uns auf den Weg zur nächsten Schwangerschaftskontrolle machten. Ein Blick auf den Monitor genügte und ich wusste, dass etwas nicht stimmte. Unser Baby war nicht zu sehen. Erst beim näheren Heranzoomen erblickten wir es. Winzig klein schwebte es in seiner Embryostellung in meinem Bauchinneren. Doch etwas fehlte: Der Herzschlag. Hatten wir diesen süssen, rasend-schnellen Herzschlag noch in der vorderen Schwangerschaftskontrolle gesehen, existierte er in dem Moment nicht. Nicht mehr. Unser Baby war Ende der neunten Schwangerschaftswoche von uns gegangen und ich hatte es fünf Wochen lang tot in mir herumgetragen. Es war gestorben, und ein Teil meines Herzens mit ihm.

 

Schock. Nervenzusammenbruch. Ein Häuflein Elend. Unser Baby war tot. Wie konnte das passieren? Mein Bauch war doch schon leicht gewachsen, ich hatte keine Blutungen, keine Bauchschmerzen, mir war nie übel und meine Essgelüste liefen auf Hochtouren. Die Antwort ist: Es gibt keine Antwort! Die Medizin hat bis heute das endgültige Rätsel um Fehlgeburten nicht gelöst. Unemotionale Statistiken beweisen lediglich, dass jede fünfte Schwangerschaft im ersten Trimester in einer Fehlgeburt endet. Diese Tatsache habe ich leider erst nach meinem eigenen Schicksal erfahren, als ich bereits aus dem Krankenhaus entlassen worden war, wo man mir mein Baby aus dem Leibe geschabt hatte, weil es nicht von selbst gehen wollte.

 

"WARUM ICH?"

 

Tausende und abertausende Male habe ich mich mit dieser einen Frage in den Schlaf geweint. Was hatte ich in meinem Leben falsch gemacht, dass mir so ein grausames Schicksal widerfahren musste? War es denn meine Schuld? Heute kann ich sagen: Nein, es war nicht meine Schuld. Doch es hat Jahre gedauert, um den Schmerz des Verlustes zu verkraften und zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Die ersten beiden Jahre war ich unfähig, über meine Fehlgeburt zu sprechen. Allein der Gedanke daran liess mich in Tränen ausbrechen. Während dieser Zeit konnte ich meinen Schmerz nur bei meinem Mann wirklich von der Seele reden. Es war das erste Mal in meinem Leben und auch die längste Zeit, in der ich mit meiner eigenen Mama nicht über mein gebrochenes Herz sprechen konnte. Es muss die Hölle für sie und meinen Papa gewesen sein, ihre eigene Tochter so leiden zu sehen und doch nicht mit ihr darüber reden zu können, weil sie einem von sich weg stoss. Und ich habe Leute von mir weggestossen, selbst meine Liebsten. Ich wollte kein Mitleid, keine aufmunternden Worte, nur meine Ruhe. Die Wut auf das Leben vergiftete mein Herz.

 

EIN TOTGESCHWIEGENES THEMA

 

Ich will ehrlich sein, wie immer. Bis zu meiner eigenen Fehlgeburt mit 25 Jahren hatte ich noch nie von diesem Wort gehört, auch nicht von Ärzten. In meiner Familie hatte es dies noch nie gegeben und unter meinen Freundinnen war ich die erste, die schwanger war. Doch kaum begann ich mit Bekannten darüber zu sprechen, schossen die Geschichten wie Gewehrkugeln um mich herum: "Eine Bekannte von mir hat auch eine Fehlgeburt erlitten." Oder: "In meiner Familie gab es schon fünf Fehlgeburten." Ich konnte es nicht fassen. Wieso hatte mir nie irgendjemand von einer Fehlgeburt erzählt?  Die Antwort war simpel: Man spricht nicht darüber. Noch so ein Thema, über das sich unsere Gesellschaft in Stillschweigen übt. Und in dem Moment wusste ich, dass dieses Thema nach Sensibilisierung schreit. Ich gehe seither sehr offen damit um und scheue nicht davor zurück, Frauen Mut zuzusprechen, wenn es ihnen selber widerfahren ist. Eine Fehlgeburt ist kein Grund, sich zu schämen. Im Gegenteil. Es kann jeder Frau passieren und verlangt ihrem Körper und ihrer Psyche viel Stärke und ihrem privaten, aber auch beruflichen Umfeld viel Feingefühl und Unterstützung ab.

 

NICHT VERGLEICHBARE VERGLEICHE

 

Persönlich ist es mir nicht nur ein Anliegen, offen über das Thema Fehlgeburt sprechen zu können, sondern auch keine Vergleiche in der Tragik der Schicksalsschläge zu ziehen. Ob eine Frau nun ihr Kind im ersten Trimester verliert oder in der fortgeschrittenen Schwangerschaft, es ist ein Verlust des eigenen Kindes. Man kann schlichtweg nicht vergleichen, ob nun eine eingeleitete Geburt im sechsten Monat mit einer Fehlgeburt im dritten Monat emotional stärker wiegt oder nicht. In meinem Fall hatte ich das Herz meines Babys schlagen sehen. Für mich lebte es und ich sah seine Körperform und seine Bewegungen. Ganz gleich in welcher Woche es von uns ging, es ist und bleibt unser Baby und ein Teil von uns.

 

UNSER STERNENKIND

 

Ein Kind zu verlieren, ist das Schlimmste, das mir in meinem bisherigen Leben widerfahren ist. Und doch war es eben dieses Baby, unser allererstes Baby, das uns zu einer Familie machte. Denn selbentags, an dem wir aus der Schwangerschaftskontrolle kamen, nahm Papa all seinen Mut zusammen und machte Mama einen Heiratsantrag. Dieser Moment, sich in tiefster Trauer auf ewig für einander zu bekennen, ist noch heute eine der grössten und aufrichtigsten Erinnerungen aus unserer Liebesgeschichte. Unser Baby hatte unsere Familie besiegelt. Lange Zeit hat es gebraucht, bis ich das Bild vom toten Baby aus meinen Gedanken verbannen konnte. Der entscheidende Moment kam, als mir das Wort "Sternenkind" zu Ohren kam. Der Klang dieses Wortes umhüllte mein Herz mit Wärme. "Ja, das ist es", dachte ich mir. Unser Baby ist zwar von uns gegangen, doch es lebt weiter, in unseren Gedanken, in unseren Herzen, hoch oben am Himmel als kleiner Stern, umgeben von tausenden anderer kleiner Sterne im Einklang mit dem Universum. Und wir mit ihm.

 

Bild @ Hotel Mama Mia

Please reload

LETZTE BEITRÄGE

Hilfe, Schreibaby! Ein Leben am Limit.

06.11.2019

Persona: Verhütung & Babyplaner 2-in-1 (mit Verlosung)

29.05.2019

10 sinnvolle Geschenkideen zur Geburt

23.05.2019

1/8
Please reload

© 2019 * Hotel Mama Mia by Yasmin Matthys